Häuserwände werden elektrifiziert

Stecker raus, die Zeitung gleich ungelesen in den Müll – man kann es versuchen, aber das hilft heute auch nichts mehr gegen die allgegenwärtige Werbung. Wer vor die Tür geht wird visuell mit großformatigen Botschaften beschossen, neuerdings sogar digital und bewegt auf Fassaden im öffentlichen Raum, zum Beispiel an der o2-Arena. Medienarchitekturen nennt man diese neuen Hybride aus digitalen Bildern und Gebäudeoberflächen.

Dass Fassaden nicht nur mit Werbung bespielen oder verhängen muss, zeigt das Media Facades Festival Berlin 2008. Kein schnödes Update der Kunst am Bau fürs 21. Jahrhundert soll hier ausgestellt werden. Die öffentlichen Screenings an vier Fassaden in Berlin verfolgen das Ziel, neue Formen der Interaktivität und der Partizipation des Bürgers zu erproben.

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“Wie fühlt sich Schöneberg heute?” - Das fragen sich Richard Wilhelmer und Julius von Bismarck in ihrem Stimmungsgasometer: Kameras mit Gesichtserkennung messen den durchschnittlichen Gemütszustand der vorbeifahrenden und flanierenden Passanten am denkmalgeschützten Gasometer in Schöneberg. Die ermittelte Gefühlslage wird dann transformiert in Farben, Formen und Symbolen auf einem Leichtdiodennetz sichtbar und zeigt den Glücklichen, was sie eh schon wussten.

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Lass es raus! Deine Botschaft auf der Wand und das sogar ganz legal: zwischen Speaker’s Corner des 21. Jahrhunderts und Web 2.0-Hölle bewegt sich das Projekt We are urban! Die Künstler Patrick Tobias Fischer, Thilo Hoffmann, Christian Zöllner und Rasim Korkot fordern die Flaneure in Berlin Mitte auf, ihre persönlichen Botschaften und Gedanken in ein Wall-Terminal einzugeben, um diese dann mittels einer speziell entwickelten Spreadgun auf die gegenüberliegende Fassade des Collegium Hungaricum Berlin zu katapultieren. Visualisiert sich hier die politische Stimme des Volkes oder verkommt die Fassade zum bloßen Instrument der Selbstdarstellung?

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Ataris Pong am Alexanderplatz: Ähnliches wurde bereits im vergangenen Jahr in der Aktion von Blinken Lights am Haus des Lehrers in Berlin geprobt, wo den „Nutzern” verschiedene Möglichkeiten geboten wurden sich mit dem Gebäude bzw. mit anderen Bewohnern von Berlin in Verbindung zu setzen. Zum einen konnten selbst produzierte Filme über eine Webseite an die Fassade geschickt werden, welche einfache Animationen oder Textnachrichten enthielten – besonders beliebt waren Liebesbotschaften. Außerdem konnte man mittels eines Handyinterfaces miteinander „Pong” spielen. Ob die Botschaft, „Jaqueline, ich will ein Kind von dir” an der Fassade für den Einzelnen nicht ähnlich aufdringlich und störend erscheint, wie die neue Werbekampagne eines Handyherstellers, ist dann aber doch Geschmackssache. Schmunzeln lässt sie uns allemal.

Ausstellung noch bis zum 12. Dezember:

  • Deutschen Architektur Zentrum, Köpenicker Straße 48/49 (U8 Heinrich-Heine-Platz)

Screenings noch bis zum 3. November

  • SAP, Rosenthaler Str. 30 (U8 Weinmeister Straße)
  • o2 Word-Arena, Mühlenstr. 12-30 (S+U Warschauer Straße)
  • Gasometer Schöneber, Torgauer Str. (S 2 Südkreuz)
  • Collegium Hungaricum Berlin, Dorotheenstraße 12 (S+U Friedrichstraße)

Weitere Informationen unter www.mediaarchitecture.org

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