DJ Hell: Retro ist der neue alte Chic.

Gigolos sind nicht die Schnellsten. Vor allem wenn sie mit ihrem Maserati durch Berlin-Mitte fahren und so chaotisch organisiert sind wie DJ Hell, neben Sven Väth und Westbam der dritte große Alt-Star elektronischer Tanzmusik made in Germany. Seit Jahren kursieren ja bösartige Gerüchte, dass die Pleitegeier über sein Label International Deejay Gigolos kreisen. In den letzten zwei Jahren bekam das Label nur wenige Veröffentlichungen hin, und das eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die waren weit weg von der Innovationskraft früherer Tage.

Um so überraschender kommt jetzt eine Presse-Offensive von DJ Hell! Seit Jahren flatterte der erste Newsletter von Gigolo in die Redaktion. Darin werden schon mal Artikel in verschiedenen deutschsprachigen Musikfachmagazinen ankündigt. Der Grund liegt auf der Hand: bevor der privat sympathisch-zurückhaltende Bayer zum Rolf Eden der Clubkultur verkommt, veröffentlicht er endlich sein neues Album. “Teufelswerk” heisst es. Das klingt ein bisschen nach Goethes Faust. Die Musik ließ Hell sich vom Berliner Produzenten Mijk van Dijk auf den Leib schneidern. Sie kommt gleich als Doppel-CD: auf einer packt Hell instrumentale Stücke, bei denen es ein bisschen experimenteller zu geht. Auf der anderen, als “Nacht” betitelt, ist rauere Tanzmusik Hell’scher Prägung drauf.

Große Innovationen verspricht DJ Hell nicht. Und so hört sich auch die erste Single “The Disaster” auch verdammt nach 1990er an: es ist elektroider, recht einfach strukturierter Techno. Im dazu gehörigen Video werden die Zuschauer Zeuge eines Castings in Nicaragua, für das “Menschenmaterial” abgefilmt wird. Die Kamera sucht pornografisch die Körpern der Tanzenden und der Zuschauer ab. Sie klebt an den kurzen Röcken aufreizender, minderjähriger Mädchen und den Dekolletés ihrer Mütter. Dabei fängt die Kamera ein, wie die anonymen Tänzern die sexualisierten Gesten und Choreografien der Werbe-Industrie auf einem staubigen Parkplatz nachspielen. Das Ergebnis ist eine zynische Karikatur einer Hochglanz-Verkaufen-Ästhetik vieler herkömmlicher Musikvideos. Und paßt auch irgendwie gar nicht zu dem Poser-Image, mit dem sich DJ Hell, die Nummer 4 der best-angezogensten Männer Deutschlands (laut Vanity Fair, Deutschland), sonst umgibt.

DJ Hell: The Disaster

P.S.: Weil’s so unterhaltsam ist: ein etwas älteres Interview von DJ Hell bei Grissemann und Stermann (Teil 1 / Teil 2)

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