Der Regenbogen ist ein Naturschauspiel, bei dem sich Sonnenlicht in Regentropfen bricht. Meist sieht man ihn direkt nach einem Schauer. Wenn also der Regenbogen etwas Charakteristisches für das diesjährige Melt! war, dann lag es daran, dass es so oft regnete wie seit 2002 nicht mehr.
Hatte das Festival seit 2004 fast immer ein unverschämtes Glück mit dem Wetter, so goss es dieses Jahr teilweise wie aus Kübeln.
Aber zunächst mal ganz von vorne. Ich hatte das Glück von Donnerstag bis Sonntag jeden Abend als Support- und Changeover-DJ einen musikalischen Beitrag beisteuern zu dürfen.
Zur Opening Party am Donnerstag kamen dank Shuttle-Bussen ca. 250 Melt-Camper nach Dessau, um dort im Beat Club den fantastischen Live-Acts Warren Suicide und Shrubbn! (neuer Act von T.Raumschmiere und Schieres auf Shitkatapult) zu lauschen.
Warren Suicide hatten die Balance zwischen dreckigem Elektro-Rock und feinem Synthie-Pop perfekt in Szene gesetzt. Eigentlich will man die endlich mal auf einer ganz großen Bühne vor tausenden Fans sehen! Shrubbn lieferten danach ein charmant knarziges Techno-Brett ab, wie man es sich nicht typischer für einen Shitkatapult-Act wünschen könnte.
Nachts zurück am Festivalgelände konnte man auf dem Zeltplatz schon improvisierten Pre-Raves lauschen. Ein Umstand, der schon erahnen ließ, wie sehr das Melt seit 2004 gewachsen ist. Es war schon wirklich unglaublich anzusehen, wie hier New Rave Kids aus ganz Deutschland auf Berliner Afterhour-Profis und Mitte-Szenegängern trafen. Dazwischen die große Masse von internationalen Besuchern und Indie-Rock-Anhängern.
Leider schauerte es schon am Freitag Abend einmal ziemlich kräftig. So kamen Klee in den Genuß vor mehr als vollem Haus zu spielen, was sie aber auch perfekt bedienen konnten. Sänger Suzie hatte am Ende ihres schönen Konzerts ein weiteres mal das legendäre „U MELT! My Heart!”-Schild erhoben! Zoot Woman hatten danach einen besseren Tag als sonst erwischt, was viele erstaunte und die Fans umsomehr begeisterte.
Dann ein Schock für viele: Als eigentlich Hercules and Love Affair aufbauen sollten (das Schlagzeug wurde schon auf die Bühne geschoben), wurde auf einmal das Logo der Frankfurter Techno-Götter Alter Ego eingeblendet, und das Drumset wieder an den Rand gestellt. Statt der glamourösen Indie-Disco der New Yorker bratzten Jörn-Elling Wuttke und Roman Flügel los. Perfektes Set – super Konzert. Nur waren die Herc-Fans ratlos, die Alter Ego-Fans später frustriert wegen des zeitlich verpassten Gigs. Was war passiert? Hinter den Kulissen hatte es eine mittlere Organisationskatastrophe gegeben, wegen der Hercules and Love Affair nicht pünktlich zum Aufbau erschienen waren. Eine „Umbuchung” wurde versucht, konnte aber nicht mehr realisiert werden. Etwas Ärgerlicheres hatte sich in der gesamten Melt!-Geschichte noch nicht ereignet – und wird sich hoffentlich auch nicht nochmal wiederholen.
Auf der Hauptbühne konnte ich an diesem Abend lediglich Robyn mitnehmen. Diese hatte mich Anfang des Jahres bei Konzerten in Groningen und Berlin völlig verzaubert. Eine Sängerin wie sie, die Mainstream-Pop im Stil von Cindy Lauper und Madonna so kredibel und herzerreissend emotional präsentieren kann, gibt es kein zweites Mal. Ein bemerkenswertes Malheur passierte der Schwedin dann aber schon beim ersten Song. Energisch über die Bühne wirbelnd, stolperte Robyn rückwärts über ein Mikro-Kabel und landete für einen Moment hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken. Zum Glück ließ sie sich davon nicht völlig aus der Fassung bringen, und lieferte ein stimmlich überragendes Set ab.
Das Festival wirklich wahrnehmen konnte ich am ersten von drei langen Festivaltagen allerdings erst in den frühen Morgenstunden: als der Sleepless Floor durch Mutlu von Sender Berlin eröffnet wurde. Es war wirklich schön, endlich mal das Bar25-Feeling erleben zu dürfen, ohne Gefahr zu laufen an der Tür abgewiesen zu werden. Ein Traum, wie bunt dieses Völkchen doch ist! Und hier in der Morgensonne konnte man dann auch endlich Freunde und Bekannte „finden”. Auf dem Gelände selbst war’s eigentlich nur möglich „sich über den Weg zu laufen” – so viele Menschen waren da. Die von Veranstalterseite vernommenen Zahlen schwanken zwischen 20- und 23000 Besuchern.
Der Samstag nachmittag hielt dann eine spektakuläre Guerilla-Aktion bereit. Das Hamburger Label Audiolith hatte auf dem Campingplatz eine kleine Bühne improvisiert und zum Parkplatzrave geladen. Was dort abging, war ein Punkrave erster Güte! Frittenbude, Saalschutz, Egotronic sowie Plemo & Rampue lieferten allesamt sympathisch linksradikalen Partytechno mit Wort- und Wahnwitz ab.
Zurück an der Gemini Stage gab es zu Beginn des Konzerts der Friendly Fires den mächtigsten Regenguß, den das Melt! je gesehen hatte. Da es zudem noch blitzte und donnerte, wurde der Auftritt der Band für 20 Minuten unterbrochen. Strom und Wasser sind halt keine gute Kombination! Als das Spiel dann wieder angepfiffen wurde, spielten die Friendly Fires ein unglaubliches Set zwischen pathetisch glamourösem Rock und treibenden Indie-Disco-Beats. Dieser Gig konnte am Samstag zumindest auf der zweiten Bühne, wo ich wieder in den Pausen Platten auflegte, nicht mehr getoppt werden. Kissy Sell Out, den man ja als Remixer und DJ für seine hysterisch-genialen Produktionen und DJ-Sets kennt, überraschte mit einem sympathischen, aber doch leicht dilletantischen Elektro-Pop-Set. Mr. Oizo verstand seine eigene Technik nicht, in dem er sein Mischpult so in die Zerrung bracht, dass nur der völlig unkritische Ed Banger-Fanatiker das noch irgendwie toll finden konnte.
Da parallel auf dem Red Bull Music Academy Floor Edu K, Bonde Do Role, Crookers und Co. den Man Recordings-Abend zu einer legendären Schlammschlacht machten – der Regenguss am frühen Abend verwandelte alle unplanierten Teile des Geländes in Matschtümpel, hatte man eine sehr gute Alternative zum französischen Filterrock-Massaker.
Apropos verwandeln: Roisin Murphy, die olle Rockerbraut tat sich nicht nur durch Headbangen ihrer roten Mähne hervor, sondern auch durch blitzschnelle Umkostümierungen und eine beeindruckende Bühnenpräsenz. Natürlich waren die zuvor spielenden Franz Ferdinand der erste Headliner des Abends und ein Garant für ausgelassene Stimmung. Spektakulärer jedoch war die in London lebenden Irin.
Schon bei Sonnenaufgang um halb fünf in der früh war ich so geschafft, das mich meine Campingliege sehnsuchtsvoll für ein paar kurze Stunden Schlaf erwartete. Ausserdem sollte dem vermatschen Samstag noch ein versöhnlicher Sonntag folgen.
Neben dem konstant euphorischen Sleepless Floor gab es ein Berlin Battery Special, das am Sonntag Abend wohl die besten DJ-Sets des Festivals bescherte. Angefangen bei den sympathischen Sick Girls, steigerte sich der Floor über Jack Tennis, Shir Khan und DJ Supermarkt zu einer perfekten Abschluss-Party, die noch mal das Beste vom Melt in sich vereinigte.
Die Hauptbühne war an diesem letzten Abend den Pop-Avantgardisten vorbehalten. Versprühten Los Campesinos zu Beginn noch ihren ansteckend jugendlichen Charme, wurde es danach immer anspruchsvoller für die Zuschauer. Allerdings im besten Sinne. Neon Neon, das wunderbare Seitenprojekt des Super Furry Animals-Frontmann Gheoff Rhys und Boom Bip passte wunderbar in den frühen Sonntag Abend. Get Well Soon beeindruckte danach auf ganzer Linie. Kaum jemand, der bei seiner genialen Coverversion von Underworlds „Born Slippy” keine Gänsehaut bekam. Der immer wieder begeisternde Mathe-Rock der Battles war ein wunderbares Vorspiel für die beiden verbliebenden Melt-Headliner.
Hot Chip mobilisierten die letzten Reste an Tanz-Kondition, so dass Björk ein leichtes Spiel hatte, die großen Erwartungen der Besucher noch zu übertreffen. Zunächst marschierte ihre Bläsersektion ein. Ein getragener bombastischer Sound – was Anderes kann man dazu nicht sagen! Dazu eine fantastische Bühnenshow aus Video-Übertragungen, einem Fahnenmeer und Laserstrahlen. Mark Bell von LFO ließ durch die abgefilmte Bedienung des sogenannten „Reactable”-Musikinstruments (Demo-Video) viele Anwesende mächtig staunen. Einen grandiosere Performance (mal abgesehen vom Bühnensturm bei Deichkind vor zwei Jahren) hatte das Melt bis dato noch nicht erlebt. Björk war in bester Laune und ihre stimmliche Brillanz hätte man sich nicht schöner wünschen können.
So gesehen fand das Melt! 2008 ein sehr versöhnliches Ende. Beim Festival gab es sicherlich einige Kritikpunkte mehr als zuvor zu entdecken. Von der Größe her spielt es auf jeden Fall nun in der gleichen Liga wie das Sonne Mond Sterne. Ein Glück, dass man damit nun auch die selbstgesteckte Kapazitätsgrenze erreicht hat. Ich persönlich hoffe, dass im Jahr 2009 der Fokus noch mehr auf die Bedürfnisse der normal zahlenden Fanschar gelegt wird. Denn diese erst komplettieren das Ensemble mit der beeindruckenden Location, dem grandiosem Musikprogramm und dem spektakulären Lichtdesign. Auf ein nächstes Melt. Ich komme auf jeden Fall wieder!
[...] Oizo übersteuert und so irgendwann doch sehr ermüdend aber hey dafür auf Holzbohlen im Gegensatz [...]
na… da war doch jemand tatsächlich anwesend
sehr schöner, ausführlicher artikel..da ist man fast selbst da
[...] “support- und changeover-dj” sonett 77 fand es dieses jahr trotz pannen toll und ist nächstes jahr definitiv auch wieder [...]
[...] Direkteingabe: Melt Erfahrungsbericht Xdev: Melt 08 Festival Plaiboi Melt Rückblick Sonett 77 Sander S: Melt in Retrospect Topfives: Besser schmelzen Torsun: Die Stirn Jetzt.de: Wir wollten [...]
Du wirst es nicht glauben. aber das war wonmöglich das schlechteste Björk Konzert! Sie war total erkältet, ließ viele Strophen aus und spielte nur gewöhnliche Songs und ttotzdem war es genial!